Winterreise - The Making of. Werner Güra und Christoph Berner im Interview.


Es ist ziemlich heiß, an diesem Juli-Nachmittag, als ich Werner Güra treffe, um mit ihm über die Winterreise zu sprechen. Er hat sich am Grazer Stadtrand eingemietet, naturnah. Am Abend wird er in der Styriarte-Schöpfung mit Nikolaus Harnoncourt singen, dann in einem Ensemble Brahms‘ Liebesliederwalzer, mit seinem Winterreise-Pianisten. Der Pianist im Liedgesang, tja… jeder Sänger beteuert, wie total gleichwertig sein Begleiter sei. Werner Güra hingegen, als ich ihm ein Gespräch vorschlage, sagt: Gern, sehr gern, aber da sollte der Christoph mit dabei sein – wir machen das ja gemeinsam.
Und so warten wir nun, im Garten, auf Christoph Berner. Der Zug hat Verspätung, der Taxifahrer kann den Ursprungsweg nicht finden. Mit uns warten: Kaffee und mehrere Stücke Schokoladekuchen, die Werner Güra persönlich mit dem Fahrrad besorgt hat; sie sehen etwas schwer aus.
Ein paar Tage zuvor, an einem anderen Ort. Die neue Winterreise von Güra/Berner liegt im CD-Player. Was wird sie wohl unterscheiden, von all den anderen Winterreisen? Gleichschwebend aufmerksam erwarte ich nichts besonderes. Doch dann, schon das erste Lied: ganz besonders. Und mit jedem Lied noch mehr und bis zum Schluss ist diese Winterreise ganz besonders. Sie erklärt sich nämlich selbst. Töne, Worte, Klänge fügen sich auf wundersame Weise in ein sich selbst erklärendes Ganzes, als hätte ich eine 3D-Brille auf den Ohren: dreidimensional erklingt das Werk. Ich höre Strukturen, Satzbau, Sätze – die Grammatik. Hier ein winziges Innehalten, dort eine Miniverzögerung – genau die Zeit, die ich brauche, um nachzukommen; hier ein Tempo, eine Spur langsamer, lässt mich einen Gedanken nach-denken, eine Situation erfassen; ein anderes Tempo, einen Tick schneller, schlägt eine Gedankenbrücke. Die Schwerpunkte der Worte folgen denen der Musik. Mutig! Denn nicht immer sind sie ident mit denen, die man beim Rezitieren des Gedichts setzen würde. Die Verläufe decken sich nicht unbedingt mit den sprachlich scheinbar zwingenden Verläufen. Betonungen fallen auf sprachlogisch unwichtige Wörter. Weil die Musik es verlangt. Und plötzlich wird der Inhalt selbst-verständlich. Und das Instrument! Als würde es mitreden, bloß durch seinen Klang.

 
Pianist und Sänger sitzen einander gegenüber, entspannt, wie gute Freunde, an einem runden Gartentisch. SMG Ich hab mir so meine Gedanken gemacht, über eure Winterreise… WG :-) Ja, wenn man so Kritiken liest über sich, von anderen Menschen, dann denkt man, ah, ist ja interessant, dass die denken, dass wir das gedacht haben. SMG :-) …aber die sag ich erst zum Schluss! Wie habt ihr einander eigentlich gefunden, als Duo, Idee der Plattenfirma? WG Nein! Zufällig! Über Bekannte, rein freundschaftlich, aha, hab ich gesagt, du spielst Klavier… ChB Aha, du singst?? :-) WG Dann lass uns doch mal was zusammen probieren. SMG Warum Winterreise, warum gerade jetzt? WG Der richtige Zeitpunkt war gekommen. ChB Wir haben‘s zusammen entdeckt. Man glaubt ja, das Werk sehr gut zu kennen; und es braucht Zeit, um sich von Hörgewohnheiten zu befreien, bis man weiß: Das ist jetzt unser Ding. WG Ich hatte keine großen Hörgewohnheiten, ich kenn‘ nicht viele Aufnahmen, natürlich Dieskau, da kommt man nicht drum rum. ChB Es reicht schon, wenn man zwei, drei Sachen kennt. WG Ich hatte im Kopf: Winterreise, salbungsvoll, selbstzerfleischend, Bariton. SMG Hat Schubert das nicht original für Tenor geschrieben, für sich selbst? ChB Ja, natürlich! Eben! WG Ich hab mir gedacht, das ist ein Mensch, der sich ständig in der extremsten Form des Lebens aufhält. Er ist völlig verzweifelt und er hat Natureindrücke, die ihn fertig machen. Spaziergang im Winter. Am Anfang ist‘s noch richtig nett, aber wenn du durchgefroren bist, ist es nimmer lustig; wenn du noch einen seelischen Schmerz hast, kommst du schnell an den Rand von etwas – wo du eine neue Erfahrung machst, so schlimm, dass du mit herkömmlichen Mitteln keine Lösung findest. Da ist alles intuitiv. Über so was kannst du nicht nachdenken. Die Zustände, die der erlebt, sind planlos. Deswegen schreit er auch auf, deswegen wird er auch zornig. ChB Man hat immer Wehmut und Schmerz im Kopf. Aber wenn man die Gedichte liest und etwas über Wilhelm Müller – da ist ganz viel Rebellion drinnen. Bis zum Schluss. Ein Sichauflehnen gegen das Schicksal. Nicht einfach nur Versinken in Melancholie. WG Die größte Inspiration war die Platte mit – wie heißt er? ChB Westphal. WG Genau, Westphal. Weil wir zum ersten Mal gespürt haben, dass es keinen weinerlichen Hauptklang braucht. Da wird das Ding so was von aggressiv, so hart, so… ChB Schonungslos. WG Ja, schonungslos. Das fanden wir richtig beeindruckend. Er spricht oft über Sätze drüber und schafft eine ganz gruselige Stimmung. ChB Hat sehr geholfen, diese automatischen Verbindungen zu beseitigen. SMG Wie ist das, wenn ihr miteinander arbeitet? WG Na, traditionell schaut man sich einmal den Text an, am Anfang war das Wort :-) ChB Der Pianist sollte auch über den Text Bescheid wissen, und dass der nicht nur störend ist :-) WG Das Schöne ist, wir müssen uns nicht mehr zusammenraufen. Große Differenzen hatten wir nie, aber jeder kommt von seiner Seite, zum Glück. Ich als Sänger vom Inhalt, er sieht harmonische Wendungen, die mir wurscht sind, aber trotzdem wichtig. Irgendwann interessieren mich die harmonischen Wendungen, ihn vielleicht auch mal eine komische Textwendung. :-) ChB Wir brauchen nicht mehr viel über Grundsätzliches reden. WG Es gibt einen gemeinsamen Punkt und nähern uns von verschiedenen Seiten. ChB Speziell bei der Winterreise gab‘s Lieder, wo wir die Tempi durch einige Konzerte immer wieder überlegt haben – doch zu langsam, doch zu schnell, die Wanderidee, ist das nicht zu gedehnt. Nach dem Konzert stellt man fest: noch nicht ganz auf dem Punkt. Jetzt ist das Schöne  – wir wissen im Konzert in jeder Sekunde ohne Hinschauen, was der andere machen wird. Wenn er einatmet, weiß ich schon, was da kommt. Und umgekehrt. WG Aber wir überlassen viel dem Moment. ChB Dadurch sind viel größere Freiheiten möglich, weil jeder von uns sich diesem Moment öffnen, seiner momentanen Idee folgen kann und sicher ist, der andere wird dabei sein. WG Da habe ich wahnsinnig viel von Harnoncourt gelernt, diese Arbeitsweise; er erklärt einem das Stück in den Proben, wo man relativ entspannt ist; aber im entscheidenden Moment, im Konzert, lässt er einem die Freiheit. Das versuchen wir mit den Liedern. Wir nehmen uns viel Zeit, um uns etwas Neuem zu nähern. Das ist die Basis. Wenn wir es dann machen, im Konzert, müssen die Instinkte gelegt sein, da ist man zu nervös. ChB Wenn man sich zwei Tage vorher trifft, kann man nichts Grundsätzliches angehen. WG Ich hasse Proben am Konzerttag, da bin ich nicht eingesungen und lauter so ein Mist. Da möchte ich sagen können, der Saal ist eh so, dass man nicht weiß wie‘s ist – es klappt eh, mit ihm. Manche Leute wollen alle Risiken ausschalten. ChB Das ist genau das Falsche. Man muss dieses Vertrauen haben. WG Ich glaube, was wirklich gut ist, hören die Leute schon. Die andere Sache ist, was medial draus gemacht wird ChB Das hat man sowieso nicht im Griff. Was wir im Griff haben, ist unsere Art von Duo-Arbeit. Es ist schön, sich aneinander zu reiben und gegenseitig zu inspirieren. SMG Und das Instrument? ChB Wir haben nach einem ganz speziellen Klavierklang gesucht, der… SMG …aber diesen Flügel habt ihr im Musikverein ja nicht … WG Doch! Den müssen wir organisieren, haben wir das schon organisiert? ChB Er steht in Wien, und… WG …das kommt hin! ChB Es ist ein Rönisch-Flügel aus 1872, nach Schubert also; wir haben noch ältere probiert, aber so weit können wir über unsere heutigen Hörgewohnheiten nicht drüber. SMG Kannst du das Besondere beschreiben? ChB Beim modernen Steinway wird die perfekte Mischung angestrebt. Durch alle Register eine Klangfarbe. Überall die gleiche Klarheit und Brillanz. Der alte Flügel wird ganz oben im Diskant ein bisserl schrill, dann hat er im Diskant eine wunderbar singende WG Tenorfarbe :-) ChB :-) Tenorfarbe. Die Mittellage, die nuschelt teilweise, was schön ist, weil ja auch mitkomponiert; im Bass unten dröhnt er und klingt ewig nach – wenn der Komponist da Fortissimoakkorde schreibt, muss man aufpassen, auf einen Steinway, sonst fällt die Decke runter. Bei diesem alten Flügel kann ich hineinlangen… Der ganze emotionale Impuls ist da. Man spielt einfach anders. Man singt auch anders. WG Total anders. Es ist ein erzählendes Instrument, es ist mir sofort aufgefallen. Ein Saal, 20 Flügel, wir haben alle ausprobiert. Plötzlich dieser eine, ich war vom ersten Moment an elektrisiert. Anfangs konnt' ich‘s gar nicht benennen: Der spielt nicht zu mir, der spricht zu mir. Ganz komisch. Ich hab sofort irgendwie Satz-Strukturen rausgehört, wie ich die Klänge gehört habe – das ist für die Winterreise ideal. ChB Der psychologische Hintergrund von jedem Lied tönt gleich ganz anders. WG Viel kommt doch über das Erzählende. Es muss schon gesungen sein, aber das Spannende ist, wenn das Geschehnis pur sich aus sich selbst rauskristallisiert.
Der Schokoladekuchen ist aufgegessen. So dunkel und schwer er ausgesehen hat, so leicht und flaumig hat er sich entpuppt. Am Ende sind die beiden dann doch neugierig auf meine Gedanken, was ich so gehört habe. WG :-) Schön ist das, wenn es so ankommt, wie wir‘s uns gedacht haben… ChB Ja :-) das freut uns schön.