Spiegelwelt – eine Literaturminiatur von Sabine M. Gruber

Man hätte meinen können, sie sei auf ihre alten Tage eitel geworden, als sie eines Tages um einen Handspiegel bat. 

Stets hatte sie ihn neben sich liegen, und oft griff sie danach. Es war ein einfacher Spiegel. Oval. Dunkler Plastikrahmen. Wie groß? Zwanzig Zentimeter? 

Dabei fällt mir ein, dass sie vermutlich nie um diesen Spiegel gebeten hatte. Hatte sie denn jemals um etwas gebeten? Nicht solange ich mich an sie erinnere. Davor? Möglich. Doch davon weiß ich nichts. Als ich auf die Welt kam, war sie längst nicht mehr jung. Über sechzig, auf jeden Fall. Ist sie denn jemals jung gewesen? Vor dem Tod ihrer Mutter muss sie jung gewesen sein. Dann hat sie sich um ihre jüngeren Geschwister gekümmert. Und später um deren Kinder. Und wieder um deren Kinder. 

Eines davon bin ich. 

Älter geworden ist sie bis zum heutigen Tag nicht. 

Ich sitze an ihrem Bett, wie schon so oft. Sie ist in ein anderes Zimmer gebracht worden. Doch heute ist alles anders. 

Der Spiegel ist fort.  

Sie richtet sich zum Sterben, hat Schwester Adolfine gesagt, und da wollten wir flüchten. Genau genommen wollte nur ich flüchten, er jedoch sagte: Wir bleiben jetzt hier. Sehr bestimmt sagte er das, obwohl das Bestimmte sonst nicht seine Art ist, und setzte sich hinter mich.

Zu zweit sitzen wir an ihrem Bett, auf zwei Stühlen, hintereinander. Alles ist weiß. Das Bettgestell, das Fensterkreuz neben dem Bett, das Bettzeug. Ihr Gesicht. Der Habit von Schwester Adolfine. Nur das Kreuz an der Wand ist braun und das Kreuz, das um den Hals der Schwester baumelt.

Sie tut sich schwer mit dem Sterben, sagt Adolfine, sanft, streicht ihr über die Stirn, beinahe liebevoll, und lässt uns allein.

Ist sie denn bei Bewusstsein? Nimmt sie uns denn wahr? Weiß sie denn, dass wir da sind? Ist das denn wichtig? Die Augen in ihrem weißen Gesicht sind fest geschlossen, und sie atmet schwer, sehr schwer durch den zahnlos eingefallenen Mund. 

Sie will nicht sterben, denke ich, trotz allem.

Das Bett in ihrem Zimmer im Pflegeheim war so aufgestellt gewesen, dass das Fenster sich genau hinter ihrem Kopf befand. Acht Jahre von zweiundneunzig Jahren lag sie dort. Auf dem Rücken. Sie konnte nicht mehr aufstehen. Sie konnte nicht nach draußen sehen. Nicht direkt. Doch im Spiegel, den sie hob und drehte und wendete, im Spiegel sah sie die ganze Welt. Himmel. Regen. Schnee. Sonne. Nebel. Auffliegende Vögel. Kronen von Laubbäumen. Junge Blätter, hellgrün, im Wind sich wiegend, sich verfärbend, fallend.

Wenn sie nicht in den Spiegel sah, richtete sie ihren Blick auf die Tür. Sie wartete auf Besucher. Ja, sie bekam täglich Besuch. Kinder, Enkelkinder? Sie hatte weder einen Beruf lernen noch heiraten dürfen, Besuch bekam sie von jenen Menschen, an die sie alles verschenkt hatte, was sie besaß. Ihre Zeit. Und diese Zeit kam wundersam zurück. Ohne dass sie darum gebeten hätte, teilten die Menschen Zeit mit ihr, so wie sie die ihre mit ihnen teilte und immer geteilt hatte, ihr Leben lang. 

Sie hatte alle Menschen in ihrem Zimmer, sie hatte die ganze Welt in ihrem Spiegel, warum sollte sie sterben wollen? 

Jetzt wird sie unruhig. Atmet schwer. Bäumt sich auf. Lautlos. Als würde sie mit dem Tod ringen. Ich rufe die Schwester. Sie kommt. Lautlos. Beugt sich tief über sie. Legt ihr die Hände fest um das Kruzifix. Schlingt einen Rosenkranz darüber. Fängt an zu beten. Laut. Vater unser, der du bist im Himmel. Immer wieder. Die Sterbende wird ruhig. Ich zähle sechs Vaterunser. Sieben. In der Stunde unseres Todes. Sie tut einen tiefen Atemzug und bläst ihr Leben aus, schwer, schweren Herzens. Die Schwester verlässt den Raum. 

Plötzlich sind wir allein. Zu zweit plötzlich. Gerade waren wir noch zu dritt.


(© 2015 Sabine M. Gruber. Gedruckt in kunstSTOFF Nr. 19 – Zeitschrift für Kunst und Kultur)

Kurze Prosa

Spiegelwelt
gedruckt in kunstSTOFF Nr. 19 – Zeitschrift für Kunst und Kultur



Auriel und das Tor der Erinnerung
gedruckt in rororo 24013

 

Nach 16 Jahren Babypause
gedruckt in Die Presse/Spectrum 22.11.2008

 

Rondo maternel
gedruckt in Frauenbild: Das Bild der Frau in Kunst und Literatur, Literaturedition NÖ 2003

 

Die Gefahr der großen Fugen

gedruckt in Die Presse/Spectrum 11/2010

Rondo maternel*

I Love you


    Erst wenn unsere Mütter im Pflegeheim sind und keine Vorstellung mehr von den Menschen und Dingen und von uns haben, können wir sie lieben.
    Mutters Blick ist unstet; er flackert ins Leere; letzte Woche noch war ihr Blick blau, nun ist er ohne Farbe, gläsern. Du sitzt neben ihr, nimmst ihre knochige Hand; ihre Hände liegen in deinen Händen, auf dem pflegeleichten Resopaltisch; sie haben keinen Druck mehr; schlaff hängen sie an Armen, die in hellblau flauschigen Ärmeln stecken, die Ärmel sind Teil einer Jacke; die Jacke ist Teil eines Hausanzugs; er ist zu groß; vor zwei Wochen noch, als du ihn gekauft hast, war er gerade richtig; er ist schick, er ist praktisch, er ist angesabbert. Auch die Hausschuhe, in denen Mutters Füße stecken, sind neu; außen karierter Filz, innen gelblicher, flauschiger Kunstpelz; auch die Hausschuhe hast du vor zwei Wochen gekauft; das Kaufen neuer Kleidungsstücke für Mutter hat dich beruhigt; die Vorstellung hat dich beruhigt, die Vorstellung von Neubeginn, Ordnung und Dankbarkeit; die neuen Kleider haben dein schlechtes Gewissen eingehüllt und deine Angst. Nun stehen die Hausschuhe auf der Fußstütze des Rollstuhls, mit den abgemagerten Füßen deiner Mutter drinnen. Eine Pflegerin kommt; sie legt Mutters Hände um ein geschnabeltes Gefäß und führt dieses zum Mund; der Mund ist zusammengepreßt; er will nicht trinken.
    Erst wenn unsere Mütter im Pflegeheim sind und keine Vorstellung mehr von den Menschen und Dingen und von uns haben, können wir sie lieben.
Hätte sie dich geliebt, sagst du, hättest du sie lieben können. Sie hat aber, sagst du, immer nur sich geliebt. Nie hat sie dich verstanden. Immer hat sie sich in dein Leben eingemischt. Nie hat sie dich als selbständiges Wesen betrachtet. Da sagt die Pflegerin laut in deine Gedanken, lauter als nötig: Wir. Wir, sagt sie zu deiner Mutter, wir sollten jetzt wirklich etwas trinken! Und in diesem Wir geht deine Mutter unter. Augenblicklich hört sie auf, ein selbständiges Wesen zu sein. Wir, sagt die Pflegerin, immer noch laut, nun zu dir gewandt, wir wollen ja auch nichts essen! Wenn das so weiter geht, müssen wir eine Magensonde einbauen.
Erst wenn unsere Mütter im Pflegeheim sind und keine Vorstellung mehr von den Menschen und Dingen und von uns haben, können wir sie lieben.
    Dein Blick gleitet durch den Raum. An Reihen von pflegeleichten Resopal- tischen sitzen Mütter in neuen flauschigen Hausanzügen, hellblau, hellgrün, hellrosa, hellgelb; ihre Füße stecken in neuen Filzhausschuhen, die auf Fußstützen von Rollstühlen stehen. Hat sie angerufen, Schwester? Nein. Aber sie hat doch gesagt, sie kommt. Wann kommt sie denn immer. Um zwei. Es ist vier, da wird sie nicht mehr kommen. Meine Tochter, sagt die hellgrüne Mutter laut, lauter als nötig, zu der Mutter im Rosenmuster neben ihr, meine Tochter kommt jeden Sonntag, wissen Sie. Die Pflegerin schiebt den Rollstuhl der hellgrünen Mutter vor den Fernsehapparat. Erst wenn unsere Mütter im Pflegeheim sind und keine Vorstellung mehr von den Menschen und Dingen und von uns haben, können wir sie lieben.
    Das schlimmste für dich ist der Geruch. Essen, Inkontinenz, Desinfektion, alternde Körper. Du versuchst, die Luft anzuhalten. Du siehst auf die Uhr. Zwanzig Minuten bist du schon hier. Niemand kann zwanzig Minuten lang die Luft anhalten. Deine Mutter spricht, an dir vorbei, Sätze, die du nicht verstehst. Sie haben nichts mit dir zu tun und nichts mit ihr. Zehn Minuten wirst du noch bleiben. Dann ist eine halbe Stunde um. Jetzt, sagst du, nach genau zehn Minuten, jetzt muß ich aber wirklich heim zu Julia. Julia ist deine Tochter. Alle Mütter, denkst du plötzlich, alle Mütter waren einmal Töchter ihrer Mütter. Morgen, sagst du, morgen bringe ich sie mit. Ich dank dir schön, sagt deine Mutter plötzlich, als du schon bei der Tür bist, für den lieben Besuch.

    Erst wenn unsere Mütter im Pflegeheim sind und keine Vorstellung mehr von den Menschen und Dingen und von uns haben, können wir sie lieben.

    Am nächsten Tag, als du mit deiner Tochter kommst, kannst du keinen hellblauen Flauschanzug im Aufenthaltsraum entdecken. Du stehst vor dem Zimmer deiner Mutter. Ich bin nur eine Minute hinausgegangen, sagt die Pflegerin, da ist sie gestorben. Ich glaube, sie wollte allein sein. Deine Hand krampft sich um die Hand deiner Tochter.

 

* "Eine eindringlich-realistische Erzählvariation auf einen Satz von Margit Schreiner."  (O.P. Zier in Die Presse/Spectrum 01/2004)

 

Gedruckt in: Frauenbild (Literaturedition Niederösterreich, 2003

© 2003 Sabine M. Gruber

 

 

Die Gefahr der großen Fugen

Fünf



Etwas hat sich verändert, François sieht es von weitem. Die Scheiben der Auslage des Teeladens sind mit Stoff verhängt. Ihm sinkt der Mut, obwohl er das handbeschriebene Stück Papier noch nicht lesen kann. Er will die Schritte zügeln. Die Füße gehorchen ihm nicht. Gleichmäßig schreiten sie fort. Fast rennen sie ihn gegen die Ladentür. Angewurzelt bleibt François stehen, angestrengt liest er. Unverzüglich dreht er sich um, schlägt den Kragen des Mantels hoch, macht sich auf den Heimweg. Er könnte die U-Bahn nehmen, doch da sind große Fugen, droht Gefahr, verschlungen zu werden. Frische Luft ist sehr gesund. Er geht zu Fuß, nimmt den Weg zurück, den die Füßeihn hierher getragen haben.

 

Sehr gesund ist frische Luft. Den Menschen nicht nahe treten. Und niemals in die Zwischenräume. In Fugen zwischen Pflastersteinen treten. Ist gefährlich wie als Kind.
Knie hast du schlimm aufgeschürft. Blutig das rechte Knie aufgeschürft. Die Pflastersteine sind sehr groß. Größer als auf anderem Weg. Einen Fuß vor anderen setzen.
Den anderen Weg nicht nehmen. Hat sehr gefährlich große Fugen. Den Blick hältst du gesenkt. Wäre nur der Wind nicht. Den Hausflur auf Zehenspitzen durchqueren.
Lärm willst du keinen machen. Rücksicht nehmen auf andere Mieter. Du gehst immer auf Schuhspitzen. Schuhe Größe fünfundvierzig trägst du. Spitze ragt nicht über Fliese.
Den Aufzug nimmst du nicht. Sehr große Gefahr großer Fuge. Große Fuge könnte dich verschlingen. Steigen über Treppen ist gesund. Aufzugfahren wirst du eines Tages.


François weiß, wie groß die Schritte zwischen den Stockwerken sein müssen. Etwas in ihm bestimmt die Geschwindigkeit, etwas bestimmt die Größe, er kann nicht anders. Das bange Gefühl bleibt. Ob sich alles ausgehen wird, auf fünf, bis zum nächsten Treppenabsatz, bis zur Tür seiner Wohnung. Alles muss sich auf fünf ausgehen, immer.
Sonst droht Unglück. Wo, denkt er, als er die Tür aufsperrt, einmal, zweimal, wo sollst du künftig die Kekse hernehmen. François schließt die Tür hinter sich, dreht den Schlüssel sorgfältig herum, dreimal, viermal, fünfmal. Alles muss sich auf fünf ausgehen. Wie,
denkt er, wie sollst du genau den Tee wieder finden. François knöpft den Mantel auf, zieht ihn aus. Was, denkt er, was wird ohne Kekse aus François werden. Er fingert nach der Schlaufe, hängt auf dem Kleiderständer neben der Tür den Mantel auf. Die Schuhe zieht er nicht aus. Langsam nähert er sich dem großen Spiegel. In exakt abgemessenen Schritten nähert er sich dem Bild, mit genau der vorgesehenen Geschwindigkeit. Bedrohlich nahe ist er dem Bild gekommen. Der Zusammenstoß ist unvermeidlich, diesmal, denkt er, wirst du mit ihm zusammenstoßen. Kurz davor schließt François die Augen, schlägt einen Haken nach links. Er ist erleichtert, zugleich fühlt er Stolz. Mit fünf Schritten ist er beim Schreibtisch. Auf dem Schreibtisch steht die Schreibmaschine. Links liegt der Stapel mit weißem Papier, rechts der andere Stapel. Voll beschriebene Seiten bilden den zweiten Stapel, einzeilig voll beschrieben. François klappt den Discman auf, ängstlich: Die CD ist drinnen. Erleichtert steckt er sich die Kopfhörer in die Ohren. Die Armbanduhr legt er neben die Schreibmaschine. Dahinter stapeln sich Bücher, feinsäuberlich übereinander, Bücher über den Komponisten François Couperin.
Vom linken Stapel ein Blatt. Exakt an die Walze legen. Fünfmal drehst du die Walze. Wie weit, weißt du genau. Du hörst es, spürst es.
Noch einen Knopf drückst du. Jetzt spielt das Gerät Musik. Ein Stück Klaviermusik spielt es. Gleichmäßig spielt das Klavier Töne. Auf Schnüre fädeln sie sich.
François komponierte die schönste Musik. Noch einen Knopf drückst du. Damit das Stück sich wiederholt. Alle zweieinhalb Minuten wiederholt es sich. Schön wie François komponierte niemand.
Töne hämmern perlend auf Schnüren. Wiederholen sich alle zweieinhalb Minuten. Schreiben kannst du trotzdem nicht. Ohne Kekse und ohne Tee. Perlend hämmern Töne auf Schnüren.
Der Besitzer ist in Rente gegangen. Keine Kekse mehr, kein Tee. Dankt Kunden für langjährige Treue. Mehr sagt das Handgeschriebene nicht. Der kleine Keksteeladen hat geschlossen.


Aber Herr François! Bei so einem schönen Wetter im Zimmer sitzen. Gleich lasse ich frische Luft ins Zimmer. Ach, waren Sie schon draußen! Ihre Schuhe haben Sie auch noch an. Mich stört das nicht, wissen Sie, die Janka mischt sich da nicht ein, aber das muss doch unbequem sein, den ganzen Tag in Schuhen. Der Herr François wird doch nicht wieder den Wollmantel angezogen haben. Der ist doch viel zu warm. Gleich hänge ich den leichten heraus. Den wollenen nehm ich mit, in die Reinigung. Hören Sie die Vögel zwitschern? Dort unten sitzt eine Amsel. Da! Sie läuft über die Klopfstange! Eine ganz besonders fette. Würmer gibt es ja genug. Obwohl, es hat schon so lange nicht geregnet. Die Katze schleicht auch schon wieder herum, d unten im Hof, die grau getigerte, die ein bisschen hinkt. Jetzt springt sie auf die Bank. Die weiß, wo es das schönste Sonnen-plätzchen gibt. Eine Katze müsste man sein. Heiß ist es heute wieder. Wenn wenigstens ein Wind ginge, was sage ich, ein Lüftchen wär schon ein Segen. Aber nein, sie steht, die Luft. Kein Hauch von einem Lüftchen. So, und jetzt macht die Janka dem Herrn François eine schöne Kanne Tee. Ich frage mich, wie Sie diesen riesigen Vorrat aufbrauchen wollen. Da müssen Sie mindestens doppelt so alt werden, was sage ich, dreimal so alt. Also das wären dann – über hundert muss der Herr François werden, wenn er den ganzen Tee austrinken will. Von den Keksen rede ich gar nicht. Sie sind ja noch so ein junger Mensch. Ich sag ja nichts, aber Sie sollten mehr unter die Leute gehen.

 

Du gießt die Tasse dreiviertelvoll. Einen Zuckerwürfel löst du auf. Fünfmal musst du fünfmal umrühren. Vier winzige Schuss Milch hineingeben. Das Keks nimmst du auseinander.
Vanillefülle nur auf einer Hälfte. Mit Zähnen langsam Fülle abschaben. Überreste mit der Zunge ablecken. Zunge verteilt Geschmack von Vanillecreme. Mund ist auf Keks vorbereitet.
Fünf Jahre hast du gelesen. Leben des Komponisten François Couperin. An einem Zehnten geboren wie du. Zehn geteilt durch zwei ist fünf. Orgel und Cembalo spielte er.
Du hast das Klavier gespielt. Gut hast du es gespielt. Nur François hast du gespielt. Nichts anderes als nur François. Nur nicht auf dem Cembalo.
Klaviertasten hämmern Ton für Ton. Klaviertöne hämmern beherzt auf Schnüren. Gleichmäßig spielt das Klavier beherzt. Auf Schnüre fädeln Töne sich. Beherzt hämmern die Töne schnurgerade.


So ein junger Mensch ist der Herr François noch! Ich werde nächste Woche schon fünfundsechzig, stellen Sie sich vor, Ihre Janka wird fünfundsechzig. Da kann sie übrigens nicht kommen, die Janka, an ihrem Geburtstag, wissen Sie, weil da macht mein Enkerl mit mir einen Ausflug. Ich schicke dem Herrn François die Adriane, keine Sorge. Die Adriane wird Ihnen Ihren Tee bringen, die Kekse auch. Vom Tee ist ja noch genug da, wie gesagt, von den Keksen sowieso. Ich persönlich verstehe nicht, warum der Herr François nicht zur Abwechslung einmal Schokokekse isst, aber bitte. Die frische Wäsche bringt die Adriane auch. Ich nehme die schmutzige heute mit. Bis nächste Woche ist sie sicher fertig. Im Staubsaugen ist die Adriane noch besser als ich, stellen Sie sich vor! Die sieht alles, das können Sie mir glauben, jedes noch so kleine Staubkorn sieht die. Der Herr François wird zufrieden sein. Ja, ich weiß, das Klavier abstauben ist heikel, das große schwarze Klavier. Mit dem weichen Handschuh wird die Adriane das machen, genau wie die Janka. Dem Klavier wird nichts passieren, das schwöre ich Ihnen. Ich weiß ja nicht, was es mit diesem Klavier auf sich hat. Es braucht viel Platz. Bald füllt es das ganze Zimmer aus. Man kann es nicht einmal aufmachen. Ist doch immer zugesperrt! Schlüssel steckt auch keiner. Wie soll da jemand spielen können. Vielleicht kann der Herr François ja Klavier spielen. Können Sie aber nicht, weil es ja immer zugesperrt ist. Brauchen Sie noch etwas? Die Fenster mache ich wieder zu. Im Kühlschrank ist noch alles, was der Herr François gerne isst. Frankfurter Würstel, Gouda Käse, Extrawurst, hart gekochte Eier. Also wenn der Herr François für heute nichts mehr braucht, dann gehe ich jetzt. Den Wollmantel nehme ich mit in die Reinigung. Morgen komme ich wieder. Der Herr François braucht sich keine Sorgen machen.

Lebensgeschichte von Françoiscouperin schreibst du. Komponiert hat er siebenund-zwanzig Suiten. Sieben minus zwei ist fünf. Komponiert hat er lustige Namen. Le Tic-Toc-Choc ou Les Maillotins.
François komponierte die schönste Musik. Die Kunst des Cembalospielens. Schrieb er siebzehn hundert sechzehn. Geht sich auf fünf aus. Darüber bist du sehr erleichtert.
Geburtsjahr ist sechzehn hundert achtundsechzig. Eins plus sechs plus sechs. Plus acht ist dreiund zwanzig. Zwei plus drei ist fünf. Fünf ist eine schöne Zahl.
Die Zahl fünf liebst du. Siebzehn hundert dreiunddreißig starb François. Eins plus sieben plus drei. Plus drei ist vier zehn. Vier plus eins ist fünf.
Prinzen, Prinzessinnen lehrte er spielen. François Couperin hat sechzehn Buchstaben. Sechs minus eins ist fünf. Cembalo spielen lehrte er sie. La bandoline, les idées heureuses.

 

Fünf Stunden möchte François an seinem Schreibtisch sitzen, aber nicht in einem Stück. Nach zweieinhalb möchte er eine große Pause machen, in der Küche Würstel mit Ei essen. Bald kann er nicht mehr ruhig sitzen. Er muss aufstehen, herumlaufen. Er umrundet fünfmal das Klavier. Dann geht er den Flur entlang, bis zur Eingangstür, wieder zurück, geradewegs auf den Spiegel zu. Fast wäre er zusammengestoßen, mit dem Spiegelbild. Gerade noch schlägt er einen Haken nach links. Mit fünf Schritten erreicht er den Schreibtisch. Dann setzt er sich wieder. Seine innere Uhr zeigt ihm an, wann es mit der großen Pause so weit ist. Trotzdem liegt neben der Schreibmaschine die Armbanduhr, nur zur Sicherheit. Früher hämmerte er Couperin in die Tasten des großen schwarzen Flügels, sämtliche siebenundzwanzig Suiten für Cembalo. Er spielte sie am Klavier. Nichts anderes spielte er, nur diese siebenundzwanzig Suiten, schon als Kind. Die Eltern kauften ihm früh ein Klavier. Nur am Klavier konnte er still sitzen. Später hörten ihm viele Menschen zu, sehr viele Menschen. Doch das war, bevor die Angst kam, die große Angst. Eines Tages, während ihm wieder einmal sehr viele Menschen zuhörten, in einem sehr großen Saal, klappte er den großen schwarzen Flügel zu. Er ging nach Hause, sperrte den großen schwarzen Flügel im Wohnzimmer zu, warf den Schlüssel weg. Seither hämmert er in die Schreibmaschine. Niemand hört ihm dabei zu. Wenn er eine Tasse Tee leer getrunken hat, nimmt er die Kanne vom Stövchen, gießt die Tasse wieder sorgfältig voll, zu exakt Dreiviertel. Wie viel er nehmen muss, weiß er genau. Milch muss noch Platz haben. Umrühren muss er noch können. Er nimmt ein Keks, bricht es auseinander, schabt die Fülle von der einen Seite, lässt beides im Mund zergehen, die Fülle, das Keks. Dann spannt er ein neues Blatt Papier ein. So wie er früher die siebenundzwanzig Suiten in die Tasten gehämmert hat, hämmert er jetzt die Lebensgeschichte von François Couperin in die Schreibmaschine. Das Leben des Komponisten verlief ereignislos, es hat auf einer einzigen Seite Platz. Immer wieder spannt er ein unbeschriebenes Blatt Papier in die Schreibmaschine ein, um es voll zu schreiben, mit einem Leben, das immer wieder auf einer einzigen Seite Platz findet.

 

Für Ludwig XIV. komponierte François. Eins plus vier ist fünf. Besondere Vorkommnisse gab es nicht. Die schönste Musik komponierte er. Gleichmäßig ist sein Leben verlaufen.
Vom linken Stapel ein Blatt. Exakt an die Walze legen. Fünfmal drehst du die Walze. Wie weit, weißt du genau. Bei Fünf durchströmt dich Erleichterung.
Besondere Vorkommnisse kamen nicht vor. Wie in deinem eigenen Leben. Eine Seite reicht fürs Leben. Gleichmäßig verlief François Couperins Leben. Sein Leben auf einer Seite.

Wieder ein Blatt nach rechts. Eine Seite voll François‘ Leben. Seine Nase war sehr groß. François Couperin, Sieur de Crouilly. Eine große Perücke trug er.

Töne hämmern perlend auf Schnüren. Jetzt einen neuen Bissen Keks. Bald gehst du zu Bett. Die Schuhe musst du ausziehen. Morgen musst du Kekse kaufen.

 

Etwas hat sich verändert, François sieht es von weitem. Die Scheiben der Auslage des Teeladens sind mit Stoff verhängt. Ihm sinkt der Mut, obwohl er das handbeschriebene Stück Papier noch nicht lesen kann. Er will die Schritte zügeln. Die Füße gehorchen ihm nicht. Gleichmäßig schreiten sie fort. Fast rennen sie ihn gegen die Ladentür. Angewurzelt bleibt François stehen, angestrengt liest er. Unverzüglich dreht er sich um, schlägt den Kragen des Mantels hoch, macht sich auf den Heimweg. Er könnte die U-Bahn nehmen, doch da sind große Fugen, droht Gefahr, verschlungen zu werden. Frische Luft ist sehr gesund. Er geht zu Fuß, nimmt denselben Weg zurück, den die Füße ihn hierher getragen haben.

 

 

Gedruckt in: Die Presse/Spectrum 11/2010

© 2010 Sabine M. Gruber