Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten - Leseprobe

IV. Das Innenleben der Sprache

Sprache scheint von der Welt des Sehens beherrscht, aus ihr und für sie geschaffen zu sein. Es fällt uns schwer zu begreifen, weil ein Sprachgebilde überhaupt in die unsichtbare Welt der Töne eindringen kann; wie es Nikolaus Harnoncourt überhaupt möglich ist, mit Hilfe von Sprache musikalische Inhalte zu vermitteln. Muss Sprache in der Welt der Töne nicht immer eine Krücke bleiben? Bleibt die verbale Verständigung in der Welt der Musik nicht immer mühevolles, unbefriedigendes Mataphorieren und letztlich eine Illusion?
Oberflächlich betrachtet, seinen Begriffe tatsächlich nur einer ganz bestimmten Sinneswelt anzugehören, und es ist, als ob wir sie – gnadenhalber und vorübergehend – einen anderen zur Verfügung stellen; doch der Schein trügt: unterirdisch ist alles Sinnliche in uns verbunden, in weitverzweigten Gängen und fließenden gewässern. Sprache ist Ausdruck dieser Verbindungen, auch wenn das Wissen und das Bewusstsein darüber immer mehr verlorengehen.
Betrachten wir nur einmal betrachten – es geht auf ein Bewegungswort zurück: trahere, ziehen; hell bewegt sich wesensmäßig seit jeher in der Welt des Schalls, im Dunkel verschwinden nicht nur Gestalten, sondern auch undeutliche Geräusche, leise bezeichnet ursprünglich eine sanfte Bewegung, still heißt bewegungs- wie auch lautlos, während piano auf ein Wort zurückgeht, das glatt und ebenmäßig hieß.
In den Tiefen unseres gemeinsamen Unbewussten ist alles, was in einem wort mitschwingt, für alle Zeiten aufgehoben: sein lebendiges Wesen, das von seiner Geschichte geformt ist.
Der Absolutismus des Visuellen und des Abstrakten ist eine Erscheinung unserer Zeit, die in unserer sprachlichen Wahrnehmung Spuren hinterlassen hat. Ihrem Wesen nach ist Sprache jedoch nicht nur sinnlich, sondern auch ein für alle Sinne durchlässiges System, so wie auch unsere sinne miteinander in Verbindung stehen und Sinneseindrücke in unserem Inneren ursprünglich nicht klar voneinander getrennt entstehen.
„Das muss klingen wie Vanillesauce.“
Was wir zunächst als Bild empfinden, ist nur im übertragenen Sinn ein Bild; es ist ein Bild, das wir nicht nur sehen; ein Bild, das eine Bewegung miteinschließt, einen Geruch, einen Geschmack, und das uns zugleicht im wahrsten Sinn des Wortes berührt.

CLAUDIO MONTEVERDI
Marien-Vesper

(Domine ad adiuvandum)
„Süditalien! Singen Sie das mit Fischgeruch in der Nase.“

(Dixit Dominus, T. 54 ff., „… ex utero ante luciferum genui te.“)
Erotisch.

(T. 76 ff.)
Sie haben einen Dämon im Leib.

(T. 85 ff., „Judicabit in nationibus“)
Grausig akzenturieren! Sadistisch!

(T. 104, „De torrente in via…“
Wandern mit den Naturfreunden.

 

(T. 105 ff., „…bibet.“)
Hochschwab, Nordhang…

(Laudate Puer)
Lyrico.

(T. 54, „pauperem“)
Karitativ!

(T. 57 f., Tenor II, „ut collocet eum com principibus.“)
Und hier denken Sie an Schwazenegger …

(Laetatus sum)
Das ist eine Prozession nach Jerusalem.

(T. 31ff., „illuc enim ascenderunt tribus.“)
Nun bekommen Sie alle Fieber!

JOHANN SEBASTIAN BACH
Johannes-Passion

(Nr. 1, Eingangschor)
Sie müssen sich da ein Kreuzigungsbild aus dem 17. Jahrhundert vorstellen.

(T. 25 ff., „Herr, unser Herrscher, dessn Ruhm in allen Landen herrlich ist“)
Unter Ruhm versteh ich etwas, was sich so ausbreitet…

(T. 37 f., Sechzehntelbewegung im Sopran)
Da müssen Sie tanzen.

(Viertel-Einwürfe der Tenöre, „Herr, Herr …“)
… und die Tenöre sagen: Gemma!

(T. 86, Forte-Einsatz, Sopran und Alt)
12mal so laut! Oder wenigstens 11mal…

(Nr. 2, „Was suchet ihr?“, Chor: „Jesum von Nazareth.“)
Eine verhalten freudige Gemeinheit.

(Nr. 3, Choral „O große Lieb‘ ohn‘ alle Maßen …“)
Wie wenn ihr ein Muttertagsgeciht aufsagen würdets.

(Nr. 5, Choral „Dein Will gescheh, Herr Gott, zugleich“)
Wie wenn Sie jemanden am Ohr durch die Partitur ziehen. Eine alte Erziehungsmethode …

(Nr. 10, Rezitativ, Servus: „Solltest du dem Hohenpriester also antworten?“)
Das muss so sein, dass ihm der Schleim aus dem Mund rinnt.

(Nr. 12, Chor, „Bist du nicht seiner Jünger einer“)
Da ist eine störende Präzision drinnen, flüstern müssts ihr da, euch so herantasten, so, als würdets ihr euch einschleichen.

Das ist der Schmuggler-Chor.

(Bei der Stellprobe in Berlin, unmittelbar vor dem Konzert:)
An die Akustik muss man sich gewöhnen, aber Sie werden sehen, so in zwei, drei Stunden werden Sie sich richtig wohl fühlen … Sehen Sie, ich kann auch einen Witz machen.

 

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